Wie Gewalterfahrungen unter der Geburt & Trennung danach sich auf Bonding & Stillen auswirken. Das schöne wurde mir genommen TEIL II.

Wie Gewalterfahrungen unter der Geburt & Trennung danach sich auf Bonding & Stillen auswirken. Das schöne wurde mir genommen TEIL II.

T R E N N U N G  & B O N D I N G
 V E R Z W E I F L U N G & H O F F N U N G
Felicia Chang Photography
Noch mal zurück zu der ersten Geburt im Krankenhaus. Durch die hohen Billirubinwerte wurde ich dann auch noch getrennt von meinem Kind. Lichtlampe war angesagt und ich wusste bereits zu der Zeit, wie wichtig das Bonding ist und sah es durch diese Maßnahmen bereits zerstört. Es war Februar, somit tiefster Winter und zu wenig Sonne um die Haut natürlich zu bestrahlen. Es lässt sich nicht mehr nachzuvollziehen, ob die Leber durch doppelte Vitamin-K-Gabe (die nicht einmal mit mir abgesprochen wurde) nicht noch zusätzlich belastet wurde. Durch die Ikterus bedingte Trinkfaulheit wurde natürlich selbstverständlich (O-Ton) gleich „Kunstmilch zur Verfügung gestellt“; es kam mir so vor als wäre Muttermilch die zweite Wahl. Der Einschuss war noch nicht da und ich hatte wirklich Mühe, das ganze Kolostrum abzupumpen. Ich saß also in dem Raum, in dem die Lichtlampe stand und pumpte am laufenden Band ab. Ich weiß nicht mehr, wie oft Sie das Kind gepickst haben, um das Blut zu bekommen (bei Neugeborenen ist das etwas schwieriger). Von diesen herzzerreißenden Schreien und Festhalten mal abgesehen, habe ich da einfach „dicht gemacht“. Mich weinend weggedreht und mir gesagt: „da muss ich (wir) jetzt durch“. Das ist zu unserer Sicherheit, es geht hier um die Zukunft – um ein gesundes Leben. Irgendwie war ich so enttäuscht von mir selbst und von den Umständen, dass ich nur noch irgendwie ein Beteiligter dieser „Sache“ war. Ich hatte nicht einmal mehr den Mut, dem Personal zu sagen, was ich wirklich möchte. Es wurde einem sowieso ständig das Gefühl gegeben, man sei ein unwissender, dummer Leihe, der hier nun mal „NUR“ sein erstes Kind geboren hat. Die Schwestern dort sehen das täglich. Damit geht (meiner Meinung nach) auch eine gewisse Abstumpfung einher. Wo käme man auch hin, wenn man sich jedem Schicksal annehmen würde. Ich glaube, das verlange ich nicht einmal (jedenfalls dachte ich dies nicht einmal). Fazit: Ich bin einfach zu sensibel für solche Dinge.  
  
N I C H T    V E R G L E I C H E N
Ein Gleichnis ist keine Geschichte.
Wenn man nun die Erlebnisse miteinander vergleicht (was man einfach nicht tun sollte), dann sind sich ganz viele Geschichten ähnlich und noch schlimmer, denn was diese Geschichten gemeinsam haben, ist das besondere „Gefühl“, nicht die einzelnen Details. Für mich ist es ist eine persönliche Empfindungssache. Es gibt durchaus ganz andere Umstände, darum soll es hier aber nicht gehen. Ich schreibee hier nicht um zu sagen, ’schaut mal wie grausam‘. Ich möchte hier einfach mal aussprechen, was mich in dieser Zeit so sehr beschäftigt hat und was ich nie wieder vergessen werde – ich kann das Geschehene nicht als ‚das ist normal so‘ in meiner Erinnerung verweilen lassen. 
 A N G S T
Ich bin vernünftig genug um zu wissen, dass Notfallmedizin wichtig und richtig ist. Der schmale Grad zwischen – ist das jetzt wirklich notwendig oder nicht – ist der springende Punkt. Das KANN man als Laie nicht beurteilen, schon gar nicht in so einer postnatalen Stimmungskrise. Genau das wurde mir ZWEI MAL zum Verhängnis. Ich bin nicht klar bei Verstand. Dort wird mit Angst gearbeitet – ich füge mich. Ich will ja schließlich keine Leben gefährden. Das, was wirklich gefährdet wurde, war das Bonding & Urvertrauen zu meinem ersten Kind. Ich wage sogar die These, dass die Störung bis heute anhält und es bis heute eine schwierige Aufgabe von mir ist, diese Störungen wieder „zu beheben“. Körperliche Gewalt verheilt, psychische nur schwer.
E I N   J A H R   S P Ä T E R   G L E I C H E R   O R T
Aus der Erfahrung heraus kann ich berichten: Mein zweites Kind hatte ebenfalls erhöhte Werte (Ikterus), man sah es ihm schon an, ohne genaue Werte bestimmt zu haben. Aus diesem Grund schickte mich meine Hausgeburts-Hebamme 48 h nach der Geburt ins Krankenhaus. Irgendwie bekam ich da wieder so eine innerliche Panik: Was ist, wenn sie ihn wieder dort behalten möchten. 
Ein Jahr später, gleicher Ort und es kam wieder alles hoch. Da hatte ich alles dafür gegeben, dass das Kind nicht wieder sofort in diese Präventive Maßnahmen gerät und schon war ich wieder dort. Der maßgebende Wert wurde zunächst alternativ ermittelt und ich ließ mich nach Vorlage der Werte vom Kinderarzt dazu überreden, den ermittelten Wert durch eine Blutprobe bestätigen zu lassen. Ich kann es mir nur so erklären: Ich wollte unbedingt sichere Werte, damit ich nicht wieder in Zweifel gehalten werden kann und das Kind wieder präventiv unter die Lichtllampe gerät. Ich wollte dem Arzt kein Argument lassen und ich wollte gehen, und dies schwarz auf weiß bestätigt haben wollen. Wenige Stunden später erhielt ich den bestätigten Wert und er war minimal unter dem ‚Soll‘. Dem Arzt bot sich offensichtlich die willkommene Möglichkeit, mir zu sagen, dass das Kind nun im Krankenhaus bleiben müsse. Mein persönlicher Alptraum war eingetreten. Ich stand weinend im Flur des Krankenhauses, mit meinem Kind in der Trage und hätte mich fast wieder diesen Anweisungen gefügt. Mein Mann hat die Situation jedoch richtig erkannt und mich buchstäblich „rausgezerrt“.
Weiß der Teufel, wieso ich da weinend stand und Angst um mein Kind hatte. Angst, dass ich jetzt meine Ideale über die Gesundheit meines Kindes stelle. usw. Aber ich hatte ANGST. Das bekannte Gefühl, welches so viel zerstören kann. Angst darum, dass die ersten gemeinsamen Tage, die so unglaublich wichtig sind, wieder einmal zunichte gemacht werden. Die Situation kippte und wurde gerettet, indem ich mich und mein Kind einfach nach Haus fuhren ließ. Ich trank literweiße Löwenzahnwurzel und Scharfgabe, nutzte jeden Sonnenstrahl der im April zu erwischen war aus und die hohen Werte verschwanden so blitzartig, wie sie gekommen waren. Das Ende vom bösen Lied. Beinahe wäre ich wieder vor diesem Glaskasten gestanden, und zwar unberechtigt! Zitat: Manchmal glaube ich, diese Stationen müssen sich rechnen, die suchen nur danach und sie finden auch immer wieder etwas um jemand dort zu behalten. Ich schicke die Frauen wirklich nur sehr ungern dorthin.

Nur wenige Stunden der Trennung können sich sehr negativ auf das neu geborene Kind auswirken und dies muss nicht zwingend so sein. Der direkte Vergleich fehlt mir, ich habe lediglich einen Extremkontrast. Von meinem Erstgeborenen wurde ich nach der Geburt länger als 24 h getrennt, von meinem Zweitgeborenen wurde ich niemals getrennt. Zwischen dem Erst- und Zweitgeborenen bemerke ich derzeit einen extremen Unterschied  bei Persönlichkeit und Vertrauen. Der Zweitgeborene hat meinen Empfindungen nach ein sehr stabiles Urvertrauen, bei dem Erstgeborenen ist dieses nicht oder weniger ausgeprägt. Dies ist nur meine Beobachtung, eine These. Die Persönlichkeit der beiden ist nicht zu unterschätzen. Jeder von ihnen bringt etwas besonderes mit auf diese Welt, nicht nur das, macht sie von Natur aus sehr unterschiedlich.

U R V E R T R A U E N
Mich hat dieses Verhalten und das Beobachten meines Erstgeborenen in der Entscheidung gefestigt, dass ich mich von Nichts und Niemandem mehr von meinem Vorhaben abgebracht werden kann, dem Bonding, geborgenes Aufwachsen und Sicherheit – Der selbstlose Instinktbefriediger des Steinzeitbabys. Das heißt: a) Stillen von ersten Minute an b) Familienbett c) Überall Tragen. Meine Güte, hat mich das viel Energie und Zeit gekostet, mein Umfeld daran zu gewöhnen. Diese Sätze „Wenn du das Kind den ganzen Tag nur trägst, will es das immer“ oder „Es tanzt Dir später auf der Nase herum“ und „Du verwöhnst es“ bis hin zu „Bist du NUR Mutter oder was?“ – Nein, ich habe mich vor der Geburt dafür entschieden, dass die erste Zeit sehr kräfte raubend und anstrengend sein wird. Ich stelle mich in dieser Zeit zurück ohne gleichzeit verzichten zu müssen! Ich möchte Kinder, die echtes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein besitzen – nicht durch Erpressung, Angst, Liebesentzug (Strafe) und jede Form Drohung. Das erlange ich nur, wenn ich das Urvertrauen von Anfang an stärke und aufrecht erhalte, indem ich IMMER da bin. Nur so kann ein sicher gebundenes Kind aufwachsen. Ich möchte nicht den Grundstein legen, für spätere Gespräche beim Psychologen. Das Leben wird meinen Kindern noch viele Steine in den Weg legen. Ich habe selbst genug Baustellen aus dieser Zeit und versuchen, sie nicht weiter zu geben.

Das Urvertrauen lässt sich nicht immer durch eine (kurzweilige) Trennung verwirren, bei uns hat es das getan, davon bin ich überzeugt. Es hat zumindest einen Stein ins Rollen gebracht und ich war zeitweise nicht in der Lage, ihn zu stoppen.
Ich habe diesen zerstörten Kreislauf zu Haus weitergeführt, z.B. das nicht stillen, nicht ständige tragen usw. Dann diese schreckliche (Postpartum) depressive Phase. Ich hatte mich und das Kind zeitweise aufgegeben, in meinen Augen war eh schon alles zerstört. Ich konnte mein Kind oft nicht mehr beruhigen und war selbst sehr unruhig, verunsichert und bewegte mich auf dünnem Eis. Ich suchte ständig nach neue Lösungen, meinem Sohn das Schreien zu ersparen. Später wurde mir mehr und mehr klar, dass ich mich von der Natur und dem Umgang mit den Kindern weit entfernt hatte – ich hatte all diese gesellschaftlichen Normalitäten fest in mir verankert und musste diese lösen. Das gelang mir erst einige Zeit später, dann jedoch immer besser. Auch heute noch muss ich mich von den Erziehungskonstrukten lösen lernen. Ich ‚erziehe‘ mich selbst täglich neu, ich reflektiere meine Kindheit und versuche, mich in mein Kind und in meine Kindheit zu versetzen. Was hat mir als Kind gefehlt? Waren da Grundbedürfnisse, die nicht erfüllt worden sind/konnten? Warum sind Schreibabys ein rein westliches Phänomen? Warum gibt es so viele Babys mit Anpassungsproblemen?
Für mich ist es ein täglicher Kampf, all dies ausgleichen zu wollen. Der Alltag scheint normal und das Kind scheint normal. Kleinigkeiten können jedoch ganz groß werden, ganz anders über ein heranwachsenden Leben entscheiden. Das alles wird meinen Empfindungen nach in der heutigen Zeit übersehen oder einfach nicht berücksichtigt, in der durchkalkulierten Krankenhausroutine. Es geht nur um die körperliche Gesundheit, nicht jedoch um die psychischen Auswirkungen und nicht um einen allumfassenden Start des Neugeborenen in das Leben. Genauso auch bei den Gebärenden. ‚Hauptsache das Kind ist (körperlich) gesund‘ – und was ist mir mir? Der Start ins Leben wird gleich etwas erschwert, davon bin ich überzeugt. Es erfordert viel Reflexion und Gefühl, um dagegen zu steuern. Viel Bewusstsein, um dem zu entgehen, vielleicht auch erst der Gang durch diese unnatürliche und schein-perfekte Welt, um wieder zurück zum Ursprung zu finden.



Im Teill III. widme ich mich der Hausgeburt und der Zeit danach. Es ist mittlerweile schon wieder fast 1 Jahr vergangen. Der folgende Artikel soll sich auf die positiven Aspekte konzentrieren, deshalb habe ich im Teil II die negativen schon als Vorschau mit eingebaut.
Hier könnt ihr TEIL I. lesen.


Weiterführende links: 
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Ein Kommentar zu „Wie Gewalterfahrungen unter der Geburt & Trennung danach sich auf Bonding & Stillen auswirken. Das schöne wurde mir genommen TEIL II.

  1. Ich danke Dir für diesen Post! Genau wie bei Dir und Deinem ersten Kind ist bei mir mit meinem ersten Sohn gewesen, Trennung im KG, auch danach die Zeit, als hättest Du von uns geschrieben. Auch ich lerne täglich dazu und bin guter Hoffnung es bei meinem zweiten Kind, das in 4 Monaten zur Welt kommen wird, anders und besser machen werde!
    Danke für Deine offenen Worte, die mir bzgl meiner ersten Zeit als Mutter geholfen haben!
    VG, Ela

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