Bedürfnisorientierte Erziehung und Fremdbetreuung (passen nicht zusammen)

Bedürfnis(bindungs)orientierte Erziehung und Fremdbetreuung (passen nicht zusammen)

Provokativer Titel ? Finde ich nicht. Attachment parenting und Fremdbetreuung, wie kann das zusammenpassen? Ja es kann, wenn man will. Es kann alles, wenn man will.Aber eigentlich ist die Frage nicht, ob es passen KANN. Überschriften sind halt irreführend.  

Ich habe bisher noch nichts darüber gelesen, und eigentlich nur Artikel, die ebenfalls nur von einem Blickwinkel aus betrachtet wurden. Auch renommierte Autoren wie Jesper Juul sind teilweiße sehr vielseitig interpretierbar, wie ich finde. Deshalb ist er wohl inzwischen,auch so beliebt. Viele fühlen sich sehr bestätigt von ihm. Sein Leitbild ist aber eine positive Wende in der Erziehungskultur, die ich schlussendlich sehr begrüße.  
Bedürfnisorientierte Konzepte. Konzepte. Konzepte. Ich will nicht nach Konzept leben. Ob mein Kind das will!? Manche finden’s ja auch im Schützenverein kuschelig.
Attachment Parenting zu deutsch Bindungsorientierte Erziehung (auch: “bedürfnisorientierte Erziehung”). Das ist die neue Generation Eltern. Jeder definiert es anders für sich, handhabt es so, wie es für ihn möglich ist. Nobody’s perfect! Moment mal. Es wird von bedürfnisorientierten Einrichtungen geredet. Davon scheint es inzwischen auch etliche zu geben. Tagesmütter haben es da etwas leichter bei einem Betreuungsschlüssel von 1:5 (Normalfall) oder etwa doch nicht?
Sind wir mal ehrlich, wer kann sich gleichzeitig über Stunden hinweg um die individuellen Bedürfnisse von fünf Kindern kümmern? Raucht einem da nicht der Kopf ? Oder werden einfach viele Dinge übergangen… Ich stehe jetzt schon, mit zwei Kindern unter 3, an den Grenzen meiner Kapazitäten. Ehrlich gesagt, kann ich selbst bei ’nur‘ zwei Kleinkindern nicht immer alle Bedürfnisse erfüllen. Wie kann ich das dann von anderen erwarten? Und das dann auch noch gleichwertig oder besser zu tun?

Um jedem Kind wirklich gerecht zu werden, und damit eine Erzieherin eine echte Bezugsperson sein/werden könnte, müsste der Betreuungsschlüssel 1:4 sein. Besser noch 1:3, im aller besten Fall 1:2. Vorausgesetzt, man kann einschätzen, ob das Kind sicher gebunden ist. (Nach der aktuellen Bindungstheorie) Also undenkbar.
Wie kann dann diese Art der Betreuung im Volksmunde die bessere Wahl sein? Ist es nicht so, dass der Kindergarten oder die Krippe als notwendig angesehen werden in der Gesellschaft? Ich denke schon. Unabhängig von dem ‚ich muss‘, das einige verspüren. Für viele ist es tatsächlich nur ein Kompromiss, denn die Miete zahlt sich nicht von allein. Ein Gehalt reicht nicht zum Leben. Das Kind ist unausgelastet Zuhause. Man hätte sonst keine sozialen Kontake für das Kind/die Kinder. Ja, durchaus brauchen Kinder Kontakte. Aber ob der Kindergarten der richtige Ort dafür ist? Bisher das einzige Argument, welches nicht ganz unwahr ist. Aber sicher nicht täglich, zur gleichen Zeit.
 
Und dann die ganzen Tätigkeiten dort. Ausflüge. Basteln. Singkreise. Freies Spielen. Die ganzen Freunde dort. Steiner. Montessori rauf und runter. Ja, wer denkt da denn etwas Schlechtes, wenn das Kind lächelnd, zufrieden, sogar totmüde wieder nach Hause kommt. Das Kind geht doch freiwillig!

Moment mal. Lügen wir uns da etwa selbst in die Tasche? Wozu braucht man dann eine Eingewöhnung? Wieso muss ein Kind Trennung ‚lernen‘? Muss es das? Nur wenn es dazu bereit ist, heißt es. Das nennt sich auch bedürfnisorientiert. Ich verstehe unter bedürfnisorientiert etwas anderes.


 
Dazu ein Gedanke von Stephanie S: 
Ich bin Erzieherin, mein Partner auch und wir betreuen unsere Tochter, fast vier, überzeugt selbst. Aus meiner Sicht ist es in einer Großgruppe unmöglich, einem Kind genügend Raum zur individuellen Selbstbestimmung zu geben. Der Gruppenkontext, die Menge an Kindern, die Rahmenbedingungen erfordern oft starre Regelwerke. Kinder haben in diesem Rahmen oft kaum Möglichkeit, gemeinsam die Bedürfnisse des andren mit den eigenen abzugleichen, sich und den anderen in einer natürlichen Situation kennen zu lernen. 
Außerdem kommen die individuellen Bedürfnisse oft zu Gunsten der Gruppe zu kurz. Sie müssen sich vor allem gegebenen Regeln unterordnen. Hinzu kommt die Menge an Menschen, der sie im oft sehr begrenzten Gruppenraum schlecht aus dem Weg gehen können. Es entstehen unnötige Konflikte (ganz banal oft aus Platzmangel und schlechter Begleitung der Konfliktbewältigung und der Tatsache sich nicht entziehen zu können). 
Kinder werden in der Fremdbetreuung oft viel häufiger kritisiert. Und das ist ein für mich entscheidender Punkt. Vor allem wenn man sich mit der Bildung des selbst und einer gesunden Ich- Identität auseinandersetzt. Vor allem in den ersten drei Lebensjahren, aber auch darüber hinaus, bildet sich das Selbstbild eines kleinen Menschen, welches den Grundstein bildet. Erfahre ich im Alltag über einen langen Zeitraum überwiegend Maßregelungen, Beformundungen, übertriebende Pädagogiesierung, Kontrolle, dann prägt das meine Ich – Identität. 
In der Gruppe finden aber diese Konrollen von außen viel öfter statt. (Das kann man den Erziehern gar nicht verübeln, denn sie müssen den Rahmen stärker bilden, sonst funktioniert der Gruppenalltag unter den gegebenen Bedingungen nicht). Ich denke da immer wieder an Texte von Arno Gruen z.B. Wider dem Gehorsam, wie sich eine gesunde Empathiefähigkeit entwickelt. Oder die Ansätze von Alfie Cohn. Wer diese Aspekte verinnerlicht hat, muss zu dem Entschluss kommen, dass das den Gruppenanforderungen in der Kita-Fremdbetreuung widerspricht. 
Ein wichtiger Punkt ist der Stress in konzentrierten Großgruppen und der ständige Verteidigungskampf unter den Gleichaltrigen. Da in den Einrichtungen nicht Einzelnen etwas ganz persönlich gegeben ist, oder wenn überhaupt dann wenig, gelten immer allgemeingültige Regeln. Jedes Spielzeug muss geteilt werden. Jede Situation ist in irgendeiner Form ungeschützt, es gibt keine Rückzugsmöglichkeiten. Und dann die mangelnde Aufmerksamkeit von Bindungspersonen (Erwachsenen). Kinder brauchen Zuwendung, Körperkontakt, Kuscheleinheiten, das Gefühl gesehen zu werden, sich Geborgen fühlen. In einer Großgruppe kann dieses Grundbedürfnis nicht hinreichend befriedigt werden! 
Was ich zudem überhaupt nicht als bedürfnisorientiert empfinde, ist der Stress, der entsteht, wenn Kinder sich ständig an neue Sozialräume und wechselnde Bindungspersonen gewöhnen müssen. Dieses ständige Entwurzeln und sich auf neue Sozialräume einlassen, in einer Lebensphase in der Kontinuität so wichtig ist, um sich mit dem gegeben sozialen Raum auseinanderzusetzen. 
Kita Kinder müssen ständig umswitchen. Morgens in der Familie, in der sie sich an den Eltern /Geschwistern orientieren, dann die Kita, evtl. der Frühdienst, dann die Kitagruppe (Erzieher, Kinder…etc.), dann evtl. der Spätdienst, wieder neue Personen, an denen sie sich orientieren müssen und dann wieder die Familie. 
Überspitzt gesagt, ein ständiges Hin und Her, wie soll denn da Verlass und Vertrauen entstehen? Urvertrauen entsteht doch, wenn ein Kind Situationen überblicken kann, sich sicher fühlt. Von der Abwesenheit der Mutter mal abgesehen. Es kann nicht nach Bedarf gestillt werden, das Kind erfährt keine kontinuierliche Zuwendung der Mutter, es muss zu früh Verlusterfahrungen machen und erfährt früh: auf die primäre Bindungsperson ist kein Verlass, die Bindung wird geschwächt. Dies sind lediglich meine Gedanken und Hypothesen zu dem Thema und es wird sicher viele Gegenargumente geben.
Untersuchungen von Kindern in Trennungssituationen

Kinder reagieren bei Trennung mit Stresshormonen. Ansehen kann man es ihnen nicht immer. Deshalb ist es erstrebenswert, nur sicher-gebundene Kinder in Fremdbetreuung zu geben. Ja, das sage selbst ich!
Erwachsene berichten von positiven Erlebnissen mit ihren Eltern, von Bindungssituationen, in denen Sie Trost und liebevolle Fürsorge erfahren haben. Falls die Kindheitserlebnisse von Schmerz, Trennungen und Verlusten geprägt waren, können sie differenziert darüber berichten und erfüllen nach Anwendung linguistischen Auswertungsmethoden, die Kokärenzkritierien für den Dialog. Nach den Ergebnissen einer speziellen Auswertungsmethode von Fonagy und Mitarbeitern, sind die Dialoge durch ein hohes Ausmaß an selbstreflexiver Fähigkeit über das eigene Schicksal und die eigenen Schilderungen gekennzeichnet.

Das bedeutet, bedürfnisorientierte Betreuung lohnt sich, für das spätere Leben und ist unerlässlich ! Glücklicherweise sind viele Einrichtungen auf diesem Weg. Die Frage, ob das sein muss, bleibt offen.
Trennung der Eltern ist ein immer häufigerer Risikofaktor, eine Belastung, die sicher gebundene Kinder dann normalerweise aushalten können, wenn sonst keine anderen Risikofaktoren vorhanden sind. Aber wenn ein Kind unsicher gebunden ist, und dazu in Fremdbetreuung ohne Sekundärbindung kommt, und dann auch noch die Familie zerbricht, dann können diese drei Risikofaktoren zusammen Kinder wirklich überwältigen und ihr Risiko für spätere soziale und seelische Störungen stark erhöhen. Das kann aggressives zerstörerisches Verhalten bedeuten, AD(H)S, – wohlgemerkt, mit drei Risikofaktoren, nicht einem sondern drei – schlechte Schulleistungen, Schulschwänzen, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Selbstverletzungsverhalten, wenig Einfühlungsvermögen, Selbstwertverlust, Unglücklichsein, Depressionen.“ (Sir Richard Bowlby, Frankfurt 5.5.2007)


Der chronische Stress durch wiederholte Trennung kann sich in subtilen Verhaltensänderungen äußern, aber die meisten Eltern und Betreuer bringen diese Veränderungen nicht mit der Fremdbetreuung in Zusammenhang und erkennen nicht, dass die Fremdbetreuung ein signifikanter Risikofaktor werden kann, welcher die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder später emotionale Probleme entwickeln.“ (Sir Richard Bowlby, Bindung und Fremdbetreuung, Frankfurt, 2007)
Rattenexperiment – Bindung, Genetik, Neurobiologie und Trauma. S.41 Bindungsstörungen – Karl Heinz Brisch
Urnaturaen: Und da fängt es an. Ich werde als vorurteilbehaftet, negativ, provokativ, und Hardliner betitelt. Betreibe Selbstbeweihräucherung. Diese betreibt man eher mit Gleichgesinnten, nicht so öffentlich, denn ich bediene hier ein Thema, welches schon alleine, nicht strittiger sein könnte. Und setze dem Ganzen noch einen Hut auf. Ich ernte dafür auch sehr viel Kritik und negatives Feedback.
Dabei habe ich nicht mal im Ansatz, darüber geredet, wie ich persönlich (!) andere Wege werte. Ich habe andere Wege, sogar eher ins Positive relativiert. Darauf wurde ich aufmerksam gemacht. Ich finde, das stimmt sogar, wieso dieses Ich mache es so, Ihr so und das ist ok so Geschwätz. Ich bin ein Freund von Klartext. Mit diesen Wespennestern, werde ich so oder so, nur eine Randgruppe ansprechen und ein eher unangenehmer Blogger sein, was diese Themen betrifft. Was man sagen muss ist, dieses Thema ist nicht nur mit Klartext zu bedienen, wenn man ein bisschen Empathie hat. Ja, die hab ich. Mir scheint es eher so, als vergessen diejenigen ihre Empathie mal schnell, die gerade in einer Eingewöhnung sind.
Thema ‚Das Kind darf traurig sein‘ Dazu ein Gedanke: Immer wieder dieses das-Kind-darf-traurig-sein-Ding. Das macht mich mittlerweile richtig wütend. Was für eine Aussage. Natürlich „darf“ es das. Aber es MUSS es nicht und es WILL es nicht. Wenn jetzt eine Mutter mit ihrem Kind schimpft weil es traurig ist nachdem der Lego-Turm eingestürzt ist, dann ist es angebracht zu sagen: „Dein Kind darf doch darüber traurig sein.“ Aber immer als Ausrede für eine so unnötige Traurigkeit die absichtlich herbeigeführt wird, und die zudem zu schweren Traumata führen kann, das lass ich so einfach nicht gelten. Denn es ist nur der Versuch, diesen Schmerz den das Kind empfindet, für die Eltern schön zu färben. Würde ein Mann seiner Frau absichtlich seelischen Schmerz zufügen und ihr Weinen dann mit „sie darf traurig sein“ kommentieren, dann wären sich alle einig, dass das völlig daneben ist.
Urnaturaen: Meine Wortwahl im ersten Beitrag zur Selbstbetreuung, war einfach unpassend. Wurde anders verstanden, als ich hoffte. Auch ich muss meinen Schreibstil und meine Richtung finden. Ihr helft mir dabei. Mit Kritik und auch mit Bestärkung. Lasst uns ein bisschen Randgruppenkuscheln. Für die ist dieser Artikel. Ich weiß, dass ihr da draußen seid. 
Die Beurteilung bzw. Wertung entsteht schon mit dem Wort ‚Fremdbetreuung‘ alleine dieses Wort, stößt vielen sauer auf bzw. man fühlt sich gleich auf schärfste angegriffen. Man sieht sich scheinbar auch genötigt zur Rechtfertigung (durch solche Artikel) genauso wie selbst betreuende Mütter, ja ständig raushängen lassen müssen, dass sie ihre Kinder nicht in eine Kita/Kiga oder zur Tagesmutter geben. Ist das nur ein Onlinephänomen ? Mal davon abgesehen, dass dieses Wort Fremdbetreuung auch in Fachliteratur benutzt wird, es heißt nunmal so.
Die Realität sieht ganz anders aus, wenn ich mich so in meinem Umfeld umschaue und in dem anderer. Man wird wohl eher beäugt und kritisiert, wenn man seine Kinder nicht ‚fremd’betreuen lässt. Diese Übermutter. Wie schön, dass wir uns das Leisten können. Hört man da nicht einen kleinen Oton ? Ja, wie machen die das bloß. Diese alleinerziehenden, ohne Kindergarten. Hartz IV ? Hotel Ehemann ? Nein, es ist ganz einfach ein sparsames Leben, vielleicht sogar mit Verzicht. Den andere nicht üben wollen. Gut, wir ja scheinbar schon. 
Wo ist das Problem? Wo ist überhaupt das Problem, wenn ich mich nicht gut dabei fühle, dass meine Kinder den halben oder sogar den ganzen Tag außer Haus sind? Und dabei sind ja nur, die Sicht und die Gefühle der Eltern berücksichtigt. 
Wo bleiben die Gefühle der Kinder? 

Stehen die an zweiter Stelle? Wie kann ein Kind im Alter von 12 Monaten äußern was es möchte? Es fügt sich wohl einfach den Umständen. Bindet sich an die Person, die zum Binden da ist. Die Erzieherin.
Mama muss wieder arbeiten, oder etwas für sich tun. Nach dem ganzen Mutterknast. Schließlich geht es dann beiden gut. Bedürfnisorientiert heißt ja auch, einen guten Weg für alle finden, nicht nur für das Kind.
Dazu ein Gedanke von Stephanie S: Ich finde den Ansatz von Jesper Juul gut. Im Hinblick auf die Frage welcher Typ Mensch soll mein Kind als Erwachsener mal werden, oder besser welche Eigenschaften festigen sich bereits bei einem Kind. Ich wünsche mir, dass meine Tochter ihr sanftes und gleichzeitig selbstbestimmtes offenes lebensbejahendes Wesen behält. Sie konkurriert kaum (oder sehr wenig) und sie betrachtet die Welt aus einer positiven Brille. Die Welt als einen ihr zugewandten sicheren Ort erlebt und optimistisch und mit großem Selbstvertrauen in die Welt hinaus geht. Ich denke die Umstände im KiGa erschweren es den Kindern diese Unbeschwertheit „Reinheit“ zu bewahren. Was nicht bedeutet, dass die Kinder alle pessimistischer sind. Jeder Mensch bringt ja auch noch individuelle Voraussetzungen und persönliche Ressourcen mit. Und die Haltung der Erzieher und die Qualität der Einrichtung spielt auch noch eine Rolle. Aber eins steht fest, Kitakinder müssen früher lernen zu funktionieren. Und das hinterlässt spuren und ermüdet. 
Ja mir hat eine Freundin auch schon gesagt, ich könne mein Kind nicht immer beschützen. Nein das kann ich nicht, aber so lange es mir möglich ist, muss ich nichts künstlich konstruieren. Und je mehr Schutz sie jetzt erfährt, desto stärker wird sie sein, wenn sie wirklich mal auf sich gestellt ist! Ich kenne diese Vorurteile ich kenne diese Verteidigungen. Wir müssen aufhören uns rechtfertigen zu wollen. Wir wissen was wir tun.
 
Es ist und bleibt ein Fakt, dass die moderne Fremdbetreuung nicht für die Kinder gemacht wurde, sondern für die Erwachsenen. Wer seine Arbeit mehr liebt und braucht als für seine Kinder greifbar zu sein, der lebt halt so, aber er kann nicht behaupten er wählt den bedürfnisorientierten Weg.

 

Zum Thema andere Kinder und die Sicht eines Kindes darauf, ein auzug aus einem Interview mit André Stern

Andre bezieht sich in dem Interview zwar auf die Schule, aber auch er ist nicht in den Kindergarten gegangen und ich denke man kann es auch auf einen Kindergarten beziehen.




Hast Du nicht manchmal den Kontakt zu anderen Kindern vermisst?

Ach, diese Frage! Der Klassiker unter den Klassikern!
Darf ich als erstes eine kleine Gegenfrage stellen? Warum sollte denn der Kontakt zu anderen Kindern so wichtig sein? Ist nicht vielmehr der Kontakt zu anderen Menschen lebenswichtig? Immer wieder diese unnatürlichen Unterteilungen…

Wenn man Kinder als eine bestimmte Kategorie betrachtet (und behandelt), so ist es klar, daß sie von den anderen Gattungen separiert sind und mit denen keinen direkten Kontakt haben. So sind sie reif für den vorbestimmten, berühmten „Kontakt zu anderen Kindern“. Wer findet das natürlich? Ich nicht! Wer bestimmt die Zugehörigkeit der einen oder der anderen Gattung? Das Alter? Wer glaubt heute noch, daß das Alter die Entwicklung, die Reife bestimmt?

Erleben Schulkinder, die in einer klimatisierten Klasse mit Gleichaltrigen eingesperrt sind und uniform mit demselben fremdbestimmten, synthetischen Kenntnisdünger besprüht werden etwa Sozialisation?!


Ich hatte ständigen Kontakt zu anderen – älteren, jüngeren – und genau diese Vielfalt war GEGENSEITIG bereichernd. Ich hatte von allen etwas zu lernen, sowie ich anderen vieles zeigen konnte.

Ich konnte meine Freunde aussuchen, und sie mich. Das Leben und unsere Wege bestimmten unsere Begegnungen, sie waren echt und nicht die willkürliche Konsequenz einer zufälligen Geburt am selben Ort um dieselbe Zeit, wie das in einer Schulklasse (und zwar für all die wichtigsten Jahre der Kindheit) der Fall ist.    

 

Mein Begriff der Heimat besteht nicht aus Orten, sondern aus Menschen!

Zitat einer Kiga – und Hortpädagogin: Ich kann da nur für mich sprechen und von der Situation in Ö. Ich finde den Beruf unterbezahlt, es gibt leider bundesweit kein einheitliches Kindergarten- und Hortgesetz. Jedes Bundesland zahlt unterschiedlich (die Spanne ist zwischen €1800.- und €1200.- netto Einstiegsgehalt). Dass unsere Politik „familienfreundlich“ sein soll, weil man Kinder nun schon mit 2,5 in den Kiga schicken kann, die Krabbelstuben ausgebaut und aufgestockt werden sollen, damit die Mütter schneller wieder in den Beruf einsteigen können, halte ich für eine Farce. Ich finde das „System“ generell eher familienfeindlich uns sehr traurig, dass viele Kinder so schnell von ihren Müttern – ich nenne es „getrennt“ werden. Auch das Ziel „Ganztagsschule“ in Ö zielt meiner Meinung darauf ab, Eltern die Erziehung zu entziehen. „Ja“-Sager zu machen. Die Kindergartengruppen sind meiner Meinung nach zu voll bzw. der Betreuungsschlüssel gehört verändert. Ich halte viel vom schwedischen System. Aber das Portfolio bei uns als Pflicht einzuführen, jedoch die Gruppengröße und den Verdienst gleich zu lassen, ist einfach ein Witz! Individualität gibt es leider nicht wirklich, höchstens auf dem Papier. Mich hat einfach gestört, dass ich 23 Kindern nicht gerecht werden konnte. Und dann gibt es noch die Eltern, die Kollegen und den Träger.  Ich weiß, dass 90% der Eltern keine andere Möglichkeit haben. Daher gehört für mich das System grundlegend verändert.

Ende vom Lied?

SchlusswortBevor Selbstbetreuung wieder als veraltetes 40er und 50er Jahre Frauenbild verurteilt wird. „Die Frau gehört nachhause zu den Kindern„. 
Zitat Rebecca K: Wisst ihr was richtig emanzipiert ist? Die freie Wahl zu haben, ob wir bei unseren Kindern bleiben, oder nicht.


Und jetzt tief durchatmen und OM!

Ich werde aber auch nicht behaupten, dass mein Weg der Richtige ist; nur dort fühle ich mich eben wohler ( André Stern )

 Kindergartenfrei.org







Literatur zum Thema:  
Weiterführende links zum Theama:
Aktualisiert am 10.05.2016
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22 Kommentare zu „Bedürfnis(bindungs)orientierte Erziehung und Fremdbetreuung (passen nicht zusammen)

  1. Du hast so recht :)! Leider ein politisch unkorrektes Thema aber dennoch so wahnsinnig wichtig und vorallem richtig! Ich verfasse meine Bachelorarbeit gerade, Thema: Frühkindliche Fremdbetreuung ist schädlich!mit Bezug auf die Bindungstheorie und der Hirnentwicklung.
    Danke für deinen tollen Artikel und deine Klarheit!

  2. 'Man wird wohl eher beäugt und kritisiert, wenn man seine Kinder nicht 'fremd'betreuen lässt. Diese Übermutter. Wie schön, dass wir uns das Leisten können.'

    Ich stimme Dir zu 100% zu. Jede Woche kommt die Frage von Bekannten 'Na hast du deinen Sohn schon in einer Krippe angemeldet? In welche Krippe soll er gehen?' Besonders Mütter im selben Alter hetzen was das Zeug hält und ich will gar nicht sagen wie oft ich schon gehört habe: 'Eine Erzieherin kann ein Kind besser fördern als eine Mutter.' Komischerweise bekomme ich von meinen Eltern und meinen Schwiegereltern (allgemein Menschen im besten Alter) nur positive Worte. Sie finden es richtig toll, dass wir unseren Sohn bis zum dritten oder vierten Geburtstag selbst erziehen wollen. Ein super Thema und das Thema Geld steht immer an erster Stelle. Da wird die liebende Mutter schnell mal zur faulen Hausmutter die ihren Mann ausnimmt. Manchmal ist es mir sogar schon peinlich zu sagen, dass man mindestens drei Jahre zu Hause bleibt – es wird ja von der Gesellschaft verlangt sein Kind abzugeben.

    Liebe Grüße

  3. Danke für diesen so völlig anderen Artikel. Er hat mich wirklich zum nachdenken gebracht und ich werde ihn anderen Müttern zeigen.
    Mir schwirrt nur immer dieser Satz im Kopf, wie wichtig der KiGa sei, damit die Kinder besser in der Schule klar kämen. Was denkst Du darüber?
    Viele Grüße, Ela

  4. Super klar und mutig-vielen Dank. Ich glaube genau das gleiche, weshalb wir nun homeschooling machen seit letztem herbst. Bin sooo froh, dass mein mädchen nun wieder aufblühen darf.
    Danke.

  5. Dieses Thema beschäftigt mich auch schon lange. Ich kenne allerdings viele Familien, die ihre Kinder gerne länger zu Hause betreut hätten, nur hat nicht jeder die Wahl, wenn man nicht unbedingt von Harz IV leben will. Da gilt es, Kompromisse zu finden (verkürzt arbeiten z.B.). Ich denke sogar, daß es sehr viel mehr Eltern gibt, als man denkt, die ihre Kinder zumindest im zweiten Lebensjahr gerne komplett zu selbst betreuen würden.

  6. Das Ergebnia wird sicher noch einige Zeit in Anspruch nehmen aber dann werde ich sie wahrscheinlich veröffentlichen. Vielleicht ja auch über deinen Blog?

  7. Schwer zu beurteilen, so ganz unwissenschaftlich und als Mutter würde ich sagen, dass Kindergärten nicht notwendig sind, damit man besser auf die 'Schule' vorbereitet ist/wird. Ich denke eher sogar das Gegenteil. Man wird früh auf Konkurrenzdenken getrimmt usw. usf. siehe Text Kitalltag. Das führt sich in der Schule nur fort. Es ist ganz klar, eine Weltanschauungssache. Ich kann dazu nur empfehlen von: Andre Stern, Dagmar Neubronner, Gerhald Hüther, Arno Stern zu lesen. Liebe Grüße.

  8. Mutig auf jedenfall. Es hagelt von allen Seiten. Es ist aber auch unmöglich, bei diesem Thema es allen recht zu machen. Es ist nicht möglich, dass sich keiner Angegriffen fühlt! Und meist sind es eben doch diejenigen, die es genau anders machen als wir. Das kann ich verkraften. Homeschooling werden wird auch in betracht ziehen. Aber das sind noch ein paar Jahre, bis dahin. Wo lebt ihr denn ? In Deutschland ist das ja leider 'verboten'. DAS ist so 1940. : -)

  9. Schade, jetzt hatte ich dir schon lang und breit geantwortet, und der blöde Browser hat es wieder gelöscht. Also von vorne.

    Die wenigsten wissen, dass sie gesetzlichen Anspruch auf 3 Jahre Eltern-zeit haben. In dieser Zeit ist man unkündbar und man hat sogar ein Recht darauf Leistungen zu beziehen. Ein Kita-platz kostet 1300€ im Monat dagegen sind die Leistungen des Jobcenters gering. Wenn man moralische bedenken hat, wir zahlen alle fleißig in die Staatskasse ein, während wir arbeiten. Wieso sollte man das nicht, in dieser Zeit mit den Kindern in Anspruch nehmen?

    Ich selbst habe HARTZ IV in Anspruch nehmen müssen, weil man selbst gekündigt hat. Dann fällt man sofort in dieses System. Es ist sehr hart an der Grenze des Existenzminimums. Daher kann ich sehr gut, die Ängste anderer verstehen die das vermeiden möchten.

    Auch wenn ich alleinerziehend wäre, würde ich die 3 Jahre auf jedenfall in Anspruch nehmen. Danach muss man schauen, das ist ja auch sehr individuell. Es kommt auf den Job und das Umfeld an. Ich müsste natürlich von meinen Idealen abkommen, mir eine Tagesmutter mit Betreuungsschlüssel 1:2 suchen. Zusehen, dass ich mich nebenher noch selbstständig machen kann. Ich würde aber nie auf die Idee kommen dieses Lebensmodell zu verteidigen, und sagen mein Kind geht dort GERNE hin, nein es muss dort hin, weil es den Umständen angepasst wurde! Um mal dieses 'Was ist, wenn der Hauptverdiener weg ist. Dann siehst du aber ganz alt aus' vorweg zu nehmen. Diese Art der Kritik, fand ich ja dann doch etwas dreist.

    Ich verstehe auch nicht warum mir unterstellt wird, ich kritisiere Fremdbetreuung generell. Ich habe mich nur positioniert. Und wer hat denn bitte keine Ideale? Ganz besonders wenn es um die eigenen Kinder geht, man versucht doch immer das Beste rauszuholen oder?

    Natürlich kann ich mich glücklich schätzen, dass es mir möglich ist, meine Kinder komplett selbst zu betreuen! Das bin ich auch. Mal davon abgesehen, dass es ein 24/7 Job ist. Ich könnte auch den normalen Weg gehen und beide in Betreuung geben. Arbeiten gehen um dann ein schlechtes Gewissen zu haben, dass ich sie abgebe. Das gibt es auch, weil man diesen 'Arbeitsausgleich' braucht. Für das Ego. Für das Selbstwertgefühl ? Für die Zusatzkasse, für was weiß ich. Es gibt tausend Gründe.

    Es geht auch beides, zu mindestens wenn man eine Familie ist.
    Wir gehen beide arbeiten, und es ist immer ein Eltern oder Familien-teil Zuhause. Das bedeutet natürlich, dass ich nur Teil-zeit arbeite und an einer Selbstständigkeit arbeite, die noch einige Misswirtschaft vor sich hat. Lg.

  10. So schön zu lesen, dass es auch anders geht. Was wurde ich schon beleidigt und beschimpft wegen meiner Einstellung. Es gibt für mich einfach nichts schöneres als für meine Kinder voll da zu sein, auch wenn es einige Jahre eben Verzicht bedeutet.
    Solche Artikel geben einem wieder Kraft 🙂
    Die Leiterin des Kindergartens, den meine ältere Tochter besucht seit sie 4 1/2 ist, hat uns auch zu unserer Entscheidung beglückwünscht.

  11. Hallo, vielen Dank für deinen „mutigen“ Blog. Ich sehe vieles wie Du . Ich habe 3 Kinder ( fast 1, 3 und 5 ) und sehe viel. Vieles was ich gar nicht sehen will. Ich gelte schon als Exot, meine Kinder kommen nicht in die Krippe. Sie kommen 1 Monat vor dem 3. Lebensjahr in den Kindergarten und auch nur einen halben Tag. Ich habe hier zwar nicht gerade wenig zu tun. Aber was solls ? Ich liebe das und will mich einfach nicht diesem Boom der Krippen oder Ganztagsbetreuung beugen.

  12. Vielen dank für diesen wunderbaren Artikel, er spricht mir direkt aus der Seele und bringt genau das Gednakencaos was in meinem Kopf herrscht zu Papier. Leider kenne ich in meinem Umfeld nicht einen Menschen,der einen bedürfnisorientierten Weg mit seinen Kindern geht, dabei ist es der Einzige den ich mir mit dem Herzen für meine Kinder vorstellen kann. Schade das ich im Alltag damit so alleine dastehe.
    Dein Blog ist einen wirkliche Inspiration für mich.
    Liebe Grüße

  13. Ein Text wie aus meinem Herzen geschrieben!! Er fasst alles in passende Worte! Die Unverständnis und das Anfeinden der anderen Leute, die es ja nur ach so gut besser wissen. Das Gefühl komplett gegen den Strom zu schwimmen und manchmal nicht das Ufer zu finden, obwohl man im tiefsten Herzen weiß, dass es richtig ist, was man macht.
    Ich stehe hier leider auch oft sehr einsam da. Außer meinem Mann (und seinen Eltern) sind einfach ALLE für den Kindergarten und fragen STÄNDIG nach. (Obwohl unsere Kleine gerade mal 2 ist..) Das nervt!!! Hoffe, ich kann mir ein dickes Fell zulegen und den ständigen Kritiken widerstehen. Zumindest die Kiga Leitung selbst fand meine Entscheidung gut nicht ab September (wie früher mal geplant, mit 2,5 Jahren) sondern frühestens nächstes Jahr (und wenn ich ehrlich bin eigentlich gar nicht) in den Kiga zu schicken. Das ist ja auch schon mal was 😉
    Ich bin ehrlich froh auf Seiten wie deiner so viele tolle Argumente zu finden, die man in der Rückhand sammeln kann für blöde Kommentare. Vielen Dank!! Ich werde weiterhin oft Gast in deinem Blog sein 🙂

  14. Genau das ist meine Absicht! Nämlich, dass es endlich zum diskutierten Thema wird. Ich hab zum Glück ein Umfeld, welches das alles so annimmt und erstaunlicherweiße nur positiv bewertet. Weil ich es eben auch ganz genau so, wie es hier steht erkläre. Das leuchtet dann schon den meisten ein. Man sollte bei diesem Thema schon hopp oder top sagen und dazu stehen. Andere reden zu gern in die Erziehungs/Betreuungsphilosophie rein, zu VIEL meiner Meinung nach. Es ist deine Familie und es sind deine Kinder. Du entscheidest was richtig ist!

  15. Selten so eine tolle zusammengefasste Sichtweise gelesen die meiner zu 100% entspricht.

    Ich würde unheimlich gerne unsere Tochter selbst daheim betreuen.
    Mein Mann ist aber auch auf dem Stand das Kind muss mit anderen Kindern Umgang haben und im Kindergarten was lernen.
    Hier prallen leider Welten aufeinander aber ich habe bisher meinen Kopf und Bauchgefühl durchsetzten können was die Bedürfnis und Bindungsorientierte „Erziehung“ angeht.

    Mal sehen wie es 2018 wird wenn die kleine 3 Jahre ist 😉

    Ich werde auf jeden Fall Deinen Artikel meinem Mann zum lesen geben, auch wenn er sehr unempathisch und wenig selbstreflektiert genug ist um hinter das alles zu schauen, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Je mehr ich solcher Meinungen finde, bestärkt mich darin das „mein Weg“ der richtige für unsere Tochter ist und mein Mann es einfach nur endlich zulassen muss.

    Ich kämpfe weiter 🙂

    Liebste Grüße und vielen Dank für den tollen Artikel ❤
    Kati

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